Christas Osterfreude, eine moderne Ostergeschichte – von Gerhard-Stefan Neumann …


Willy Brandt Platz Nürnberg Vol. 78„Der Teufel hole meinen Ruf!

Eine Arbeit brauche ich!

Ein Einkommen brauche ich!

Ich berste vor Neid, wenn ich eure schönen Frauen, eure edlen Automobile und eure teuren Landhäuser sehe …“

G. B. Shaw

„Der Arzt am Scheideweg“, 1

(Dr. Ridgeon)

E D I T O R I A L

Wöhrder See Vol. 2„Christas Osterfreude, eine moderne Ostergeschichte – von Gerhard-Stefan Neumann …“

Christa spielte wie immer mit ihren Murmeln. Es waren wunderschöne Murmeln, kleine und große, schön bemalt, einige von ihnen waren richtig kleine Kunstwerke aus Glas, Porzellan und sogar aus Keramik, aber das wusste Christa natürlich nicht so genau, aber ihre Mutter war sich da ganz sicher. Christa besaß ganz viele Murmeln und sie stammten aus allen Herren Ländern. Ihr Vater hatte sie ihr von seinen vielen Geschäftsreisen mitgebracht.

Willy Brandt Platz Nürnberg Vol. 76Und wenn ihr Papa einmal für längere Zeit zu Hause war, dann zeigte er seiner kleinen Tochter auf dem großen Leuchtglobus im Wohnzimmer all die fremden und fernen Länder, wo er die Murmeln gekauft hatte. Leider war Christas Papa viel zu oft fort und konnte sich deshalb nur ganz wenig um Christa kümmern – und das tat Christa natürlich sehr weh, denn sie liebte ihren Vater über alles auf der Welt. Und gerade heuer, ausgerechnet zu Ostern, wo es im Garten nur so blühte und die Natur erwachte, war er wieder einmal weg, auf einer großen und ganz langen Geschäftsreise. Ihre Großmutter sagte ihr gestern, dass sie schon ein großes Mädchen sein würde, wenn ihr Vater wieder kommen würde – und dabei musste die Großmutter weinen.

Wöhrder See Vol. 4In der Schule wurde Christa deswegen von ihren Kameradinnen immer ganz schlimm gehänselt, sie sagten immer, ihr Vater wäre ein ganz böser Mensch und er würde für lange Zeit im Gefängnis sitzen. Natürlich wusste Christa mit ihren sieben Jahren nicht, was ein Gefängnis ist und ihre Großmutter wollte sie auch nicht immer danach fragen, denn die Oma musste dann immer so schrecklich weinen. Besonders schlimm für Christa war es zu allem Unglück auch noch, dass sich schon seit mehreren Wochen ihre geliebte Mutter nicht mehr um sie kümmern konnte, weil diese schwer krank im Krankenhaus der großen Stadt lag. Christa durfte ihre Mutter bislang nur ganz selten sehen, weil sie ja noch so klein war und man dort, wo ihre Mutter lag, keine kleinen Kinder haben wollte. Selbstverständlich liebte Christa ihre Mutter sehr und wollte sie auch viel öfters sehen, aber das war für ihre Großmutter und sie gar nicht so einfach. Sie mussten dann immer mit dem Zug in die große Stadt fahren und dort in Busse und Straßenbahnen umsteigen, bis sie endlich in dem großen Krankenhaus ankamen. Dann mussten sie sich auch noch umziehen, bekamen Handschuhe und Schürzen und mussten über den Haaren sogar eine Haube tragen. Zu allem Überfluss mussten sie dann auch noch in so komische Sandalen hinein schlüpfen und bekamen schließlich noch ein weißes Tuch vor den Mund, so dass Christa und ihre Oma kaum richtig sprechen konnten. Christa war dann schon manchmal so müde, dass sie auf der Bank im Wartezimmer eingeschlafen war und von einer Krankenschwester geweckt werden musste.

Willy Brandt Platz Nürnberg Vol. 74Wenn Christa dann schließlich ihre Mutter sehen konnte, musste sie immer weinen. Vielleicht wollten die Schwestern gerade deswegen, dass Christa nicht so oft ihre Mutter besuchte – obwohl sich Christa immer bemühte, besonders tapfer zu sein. Anfassen oder gar umarmen durfte sie ihre Mutter nur ganz selten – meistens schlief sie ja und wenn sie mal gerade wach war, konnte sie sich nur mit äußerster Mühe mit ihrem Kind unterhalten. Christa tat dies jedes mal unsagbar weh, aber sie hielt immer tapfer durch. Die ersten Besuche bei der Mutter waren für Christa schlimm und sie konnte sich ganz genau daran erinnern:

Jede Menge Schläuche hingen an spitzen Nadeln, die in den dünnen Armen der Mutter steckten. Zuerst war Christa noch furchtbar über die dünnen Arme ihrer Mutter erschrocken, denn die waren nicht viel stärker als ihre eigenen. Sogar im Mund und in der Nase hatte damals ihre Mutter Schläuche stecken und alle mündeten in großen Flaschen, die an merkwürdigen Gestellen rings um das Bett der Mutter hingen.

Wöhrder See Vol. 6„Weißt Du Christa“, versuchte ihr die Großmutter zu erklären, „die Ärzte müssen Deine Mutter entgiften – sie hat in der letzten Zeit viel zu viel von dem Zeug … von den Medikamenten eingenommen“. Christa verstand zwar nicht, was die Großmutter meinte, aber das es schlimm war, erkannte sie am Zustand der Mutter.

Nach jedem Besuch im Krankenhaus hatte sie Alpträume, wachte mehrmals in der Nacht schweißgebadet und am ganzen Körper zitternd auf und immer waren ihr dann die Leiden der Mutter besonders nah und schmerzlich: Wie die so geliebte Mutter ihrem Bett lag und ihr einst so wunderschönes langes schwarzes Haar war wirr und ihr Gesicht fast so weiß wie das Christa betete oft und viel. Nicht nur im Religionsunterricht in der Schule, bei den Mahlzeiten zu Hause oder vor dem Schlafengehen. Fast jeden Tag schlich sie sich heimlich vom großelterlichen Bauernhof fort in die kleine Kapelle am entgegen gesetzten Ort des kleinen Dorfes. Immer mit dabei war Rex, ihr großer und starker Schäferhund. Rex war nicht nur groß und stark, sondern auch sehr klug. Und im Ernstfall würde er sie schon beschützen. So trabte der brave Rex fast jeden Tag mit der kleinen Christa im Schlepptau zu der kleinen Kapelle, machte es sich auf den sonnen erwärmten Stufen bequem und wartete geduldig, während drinnen seine junge Herrin betete. Und das konnte mitunter ganz schön lange dauern.

Willy Brandt Platz Nürnberg Vol. 72Ganz besonders hatte es Christa das große Kruzifix angetan, das gleich neben dem Eingang an der Wand hing. Christa war ein sehr gläubiges Mädchen. Sie verstand zwar nicht viel von diesen religiösen Dingen und im Religionsunterricht war sie hin und wieder auch nicht gerade die Aufmerksamste, aber eines wusste sie ganz genau und dessen war sie sich auch absolut sicher, wenn einer ihre Mutter wieder gesund machen und ihr den Papa zurückbringen konnte, dann war er es, Jesus, der da so schlimm geschunden am Kreuz hing – und sonst keiner· Und so betete sie mit ihrer ganzen kindlichen Inbrunst zu dem da oben – zu dem Gekreuzigten – und sie legte ihre ganze naive Frömmigkeit in ihr Gebet:

Nuremberg Sky Vol. 4„Lieber Jesus, mache doch meine Mama wieder ganz gesund, bitte … und mache sie wieder so schön, wie sie vor der schlimmen Krankheit war und gib mir bitte meinen Papa wieder. Du weißt ja sicher, das er irgendwo in einem Gefängnis sein soll, ich weiß zwar nicht, was das ist … aber es ist bestimmt etwas ganz furchtbar Schlimmes… „, und während die Tränen in ihr hochstiegen und sie das Schluchzen kaum noch unterdrücken konnte, betete sie nach einer kleinen Pause weiter, „Ich will zu Mama, Papa und Großmutter auch immer ganz lieb sein, immer meine Hausaufgaben machen und ganz brav sein. Doch Jesus antwortete nicht .

„Ich brauche doch meine Mama und meinen Papa so ganz dringend“, drang sie weiter in den leblosen hölzernen Körper am Kreuz, doch dieser schwieg noch immer, „ich will auch ganz bestimmt jeden Sonntag in die Kirche gehen… „, flehte das Mädchen verzweifelt, doch Jesus ließ sich nicht erweichen und das blanke Entsetzen machte sich in dem hilflosen, kleinen Mädchenkörper breit:

Wöhrder See Vol. 19Bitterlich weinend streckte sie die Ärmchen in die Höhe und in einem Gemisch aus kindlichem Zorn, verbunden mit der ganzen Unwissenheit und dem Unverständnis ihrer geplagten Seele schrie sie dem Gekreuzigten entgegen:

„Jesus … hörst Du mir überhaupt zu … ?“ Und Jesus schwieg noch immer und je mehr sie ihn anflehte, bettelte, ja, ihn mit ihren Blicken förmlich verschlang, so, als wollte sie zu ihrem unsagbaren Leid noch seines mit in sich aufnehmen, desto ferner und unnahbarer erschien er dem jungen Menschenkind, das seiner Hilfe so dringend bedurft hätte.

Willy Brandt Platz Nürnberg Vol. 70Nach einer Weile ergab sich das Kind seinem Schicksal. Jesus – ausgerechnet ihr Freund – wollte ihr also nicht helfen. Nun war sie mit sich und ihrer Not alleine. Wer weiß, was nun aus ihrer Mutter, ihrem Vater und der betagten Großmutter werden sollte. An sich dachte sie dabei am wenigsten. So schickte sie sich in ihrer unverstandenen und verschmähten Liebe zu dem Gekreuzigten an, die Kapelle zu verlassen und in ihrer grenzenlosen Traurigkeit den Heimweg anzutreten. Zuvor aber wollte sie dem so scheinbar Mächtigen einen langen, tiefen Blick, in dem die ganze Verachtung ihres jungen Lebens lag, zuwerfen, gleichsam so, als wollte sie sagen:

„Du da oben warst meine ganze Hoffnung, wie soll ich da unten, mit der ganzen Last meines jungen Lebens alleine zurechtkommen?“

Doch es blieb beim Gedanken, beim Plan, beim Vorhaben.

Wöhrder See Vol. 16Als sie sich erhob, sah sie zu ihrem grenzenlosen Erstaunen, wie ein gleißender Lichtstrahl die großen bunten Fenster am Altar durchdrang und das imposante Kreuz in einem Lichtermeer aus Farben erleuchten ließ. Und während das gläubige junge Menschenkind noch andächtig die kleinen Hände etwas unbeholfen zum Gebet faltete, erklang die sonst so schmalbrüstige Orgel des Kirchleins zu einem machtvollen musikalischen Orkan, so, als hätten sämtliche himmlischen Heerscharen gleichzeitig ihren göttlichen Einsatzbefehl erhalten. Und noch ehe sich die kleine Christa von dieser für sie im wahrsten Sinne des Wortes himmlischen Überraschung erholen konnte, öffnete sich mit einem Schlage das Portal der Kapelle und eine ganz in weiß gekleidete Gestalt, umgeben von einem Strahlenkranz aus leuchtenden Sternen, betrat den Kirchenraum und kam auf das Mädchen zu.

Willy Brandt Platz Nürnberg Vol. 68„Ein Engel “ stotterte die verdutzte Christa, „Jesus hat mir tatsächlich geholfen …“ und sank mehr aus Erschöpfung über das eben Erlebte als aus Demut auf die Knie. „Doch der Engel nahm sie an der Hand und sprach mit ruhiger und sanfter Stimme:

„Fürchte Dich nicht mein Kind, der Herr ist bei Dir und Du wirst sehen, es wird alles wieder gut“. Wie zum Beweis führte der Engel das Mädchen an das Kreuz und zeigte auf seinen Herrn, den Gekreuzigten und meinte zu dem Mädchen: „Verzweifle nie an Dir oder Deinem Glauben, ER wird immer bei Dir sein“. Selbstredend hatte Christa ab sofort nicht mehr den geringsten Zweifel, schließlich war Jesus ihr Freund, zudem hatte sie dies jetzt sozusagen sogar amtlich – oder hätte er ihr sonst einen seiner Engel geschickt? Und als sie zu ihm hoch sah, um sich bei ihm zu bedanken, sah sie wie er lächelte und wie seine Augen in sichtlicher Freude über sein gelungenes Werk leuchteten und wie er Tränen der Freude vergoss.

Wöhrder See Vol. 14Der Engel hieß das Mädchen, die Hände zu einer Schale zu formen und die Tränen des Gekreuzigten darin aufzufangen. „Jesus, bitte, weine nicht “ flehte das Mädchen ihn an, „ich bin ja bei Dir … und ich gehe bestimmt auch nicht weg, jedenfalls nicht gleich … und ich komme auch jeden Tag wieder, versprochen…“, und mit einem Male war das kleine Kirchenschiff von einer einzigen, klangvollen und mächtigen Stimme erfüllt und sie sprach:

„Dein Leben ist auch mein Leben. Gehe nun nach Hause zu Deiner Familie und Deine Gedanken werden fortan auch die meinen sein. Und vergiss es niemals:

Willy Brandt Platz Nürnberg Vol. 66Meine Tränen werden Dir fortan immerwährend Erlösung und Glück bringen und Dir alle Deine Wünsche erfüllen“. Kaum waren die letzten Silben der wahrhaft himmlischen Stimme verklungen, erlosch das Licht, erstarb die Musik der Orgel, war Christas Schutzengel verschwunden und der Gekreuzigte hing genauso hölzern und unbeweglich am Kreuz der kleinen Kapelle wie die Jahrhunderte zuvor auch. Und als das Mädchen die gefalteten Hände öffnete, hörte sie etwas zu Boden fallen – sie bückte sich und fand eine wunderschöne Murmel. Es war die schönste Murmel, die sie je in ihrem jungen Leben gesehen hatte – groß, bunt und unsagbar leicht. Sie hob sie auf und richtete ihren fragenden Blick auf Jesus – doch der blieb stumm …

Federleicht lag die Glasperle in ihrer kleinen Hand. Eine wunderbare, fast herzliche Wärme ging von ihr aus, spendete Liebe und Zuversicht, nahm alle Sorgen des Mädchens in sich auf und machte es froh und glücklich.

Mitten in der Nacht schreckte Christa aus ihrem tiefen Schlaf hoch …

Wöhrder See Vol. 12„Habe ich das alles nur geträumt“, fragte sie sich erstaunt, aufgeregt und gleichermaßen beglückt zugleich. „Das kann doch nicht sein, das ist doch unmöglich“, flüsterte sie froh und gleichzeitig etwas beunruhigt, „Jesus ist doch tot … oder sollte er tatsächlich doch …?“ Sie drehte sich herum und machte Licht. Im Schein des kleinen Nachttischlämpchens sah sie sich in ihrer kleinen Kammer um und stellte zu ihrer Beruhigung fest, das alles so war wie die ganzen langen Nächte zuvor auch. Vor dem Bett lag Rex, ihr treuer Schäferhund, er schlief tief und fest. Im Bett, am Fußende lag wie immer Mickey, die Katze. Alles war wie sonst auch, wenn da nicht ein verräterische Blinken neben dem Nachttischlämpchen gewesen wäre … Da lag die Murmel aus dem Traum …

Willy Brandt Platz Nürnberg Vol. 64„Also doch, Jesus ich liebe Dich …“ flüsterte das Mädchen glücklich und zufrieden und verkroch sich wieder in ihrem Bett, ohne natürlich nicht die Murmel aus den Augen zu lassen, deren Leuchtkraft die ganze Welt hätte erwärmen können. Und fortan gehörte sie Christa ganz alleine – für immer, für ihr ganzes Leben. Und Christa wusste, dass sie sich nie mehr in ihrem weiteren Leben Sorgen machen müsste, dass sie nie mehr Angst haben müsse. Und irgendwann überwältigte die Müdigkeit das Mädchen endgültig …

Das Frühjahr hatte schon längst begonnen, die Natur erwachte aus ihrem langen Winterschlaf, es grünte und blühte an allen Ecken und Enden, ja selbst die Tiere spürten instinktiv, dass die Zeit der Paarung nahe war. Ostern lag spät in diesem Jahr und so war es kein sonderliches Wunder, dass für Mitte April die Sonne ihre warmen Strahlen schon recht kräftig auf die Mutter Erde herunter scheinen ließ.

Wöhrder See Vol. 8Und eben diese warmen Strahlen drangen früh am Morgen des Gründonnerstag in Christas Schlafkammer und kitzelten mit ihren vorwitzigen Strahlenspitzen so lange an Christas Stupsnäschen herum, bis sich die verschlafene Maus endlich anschickte, wach zu werden und den neuen Tag zu begrüßen. Natürlich hatte Christa wie alle anderen Schulkinder schon längst die sehnlichst erwarteten Osterferien, hätte also getrost noch eine Stunde in den heiß und innig geliebten Federn verbringen können, aber eine plötzliche unerklärlich Unruhe holte das kleine Mädchen mit Macht in die Wirklichkeit des neuen Tages. Verdutzt räkelte sich der kleine Schlafratz in den warmen und weichen Federn, malträtierte dabei, natürlich ungewollt, mit seinen kleinen Füßchen die behäbige schwarze Katze, die natürlich auch wie sonst immer am Fußende des Bettes schlief und die sofort mit einem beleidigten Miauen ob dieser ungewöhnlichen Behandlung aus dem Bett und dem mächtigen Schäferhund Rex in dessen breites Kreuz sprang. Dieser beschwerte sich natürlich postwendend. Einerseits mit einem lauten Bellen und andererseits mit einem gewaltigen Sprung auf seine vier Pfoten. Dabei warf er fast Christas Oma vom Stuhl, die schon längere Zeit auf das Aufwachen ihrer kleinen Enkelin gewartet hatte.

Willy Brandt Platz Nürnberg Vol. 62„Oma“, fragte das Kind neugierig, „was ist denn, warum sitzt Du hier … ist etwas geschehen, haben wir vielleicht schon Ostern?“ „Nein, mein Kind“, antwortete die Großmutter und nahm das Kind zärtlich in die Arme, „stell Dir vor Christa, Deiner Mutter geht es seit gestern so gut, dass sie auf jeden Fall über die Feiertage bei uns sein kann … es ist ein Wunder geschehen“. „Oh fein“, jubelte das Mädchen, „Oma, Oma, ich habe es gewusst … ich habe es gewusst … Jesus hat mir also doch geholfen und ich habe es nicht nur geträumt“.

Und das Kind erzählte der Großmutter seinen Traum. Diese guckte zwar anfangs ziemlich skeptisch über ihre alte Nickelbrille, aber zu guter Letzt ließ sie sich doch von der Begeisterung der Enkeltochter anstecken:

Wöhrder See Vol. 6„Aber weißt Du Christa“, meinte sie schließlich, „das ist ja längst noch nicht alles. Heute morgen, in aller Herrgottsfrühe hat das Gefängnis … äh … das Gericht angerufen und mir mitgeteilt, das Dein Vater noch heute entlassen wird … und zwar für immer. Ich verstehe das auch nicht, aber er muss nicht mehr zurück, er muss nie wieder fort“.

Mit einem lauten Freudenschrei, der einem halben Indianerstamm zur Ehre gereicht hätte, fiel das Mädchen der Großmutter um den Hals, und dies mit einer solchen Wucht, dass kopfüber der Stuhl kippte und beide zu Boden fielen. Hund und Katze verschwanden vor Schreck über diese unerwarteten Gefühlsausbrüche schnurstracks unter Christas Bett. „Mein Gott Christa“, jammerte die alte Großmutter aus Verzweiflung und vor Schmerz, „ich bin doch eine alte Frau, mein Gott, mein Kreuz … auaah … und meine Brille … mein Gott, wie soll ich denn jetzt wieder jemals hochkommen?“

Willy Brandt Platz Nürnberg Vol. 60Doch das Kind jauchzte nur so vor Vergnügen, hüpfte mit einem Satz zurück ins Bett – dass Hund und Katze unter dem Bett wahrscheinlich dachten, das Ende ihrer Tage wäre gekommen – schnappte sich die Murmel, faltete die Hände, schloss die Augen, ging in sich und betete. „Schließlich“, so fand Christa, „könne jetzt Jesus mal zeigen, was er könne – und außerdem wünschte sie sich es so sehr“.

Christa betete lange und inbrünstig und es war nicht umsonst. Als sie wieder die Augen öffnete erkannte sie ihre Großmutter nur mit Mühe wieder: Vor ihr stand eine gut gekleidete und wohlgenährte Dame mittleren Alters mit glatter und straffer Haut und eleganter Frisur und das Gesicht der Frau strahlte eine mütterliche, ja, fast eine großmütterliche Wärme aus. Und im Arm hielt diese Person ein Katzenbaby mit einem tiefschwarzem Fell und weißen Pfötchen, und zu ihren Füßen saß ein junger Schäferhund, der sie aus seinen großen, braunen Hundeaugen freundlich ansah. „Den alten, zerbrochenen Stuhl und die kaputte Brille“ dachte sich Christ insgeheim, “ würde sie gleich nach dem Frühstück in den Mülleimer werfen“.

Nuremberg Sky Vol. 6Den großen, hageren Mann, der sich mühsam die Auffahrt zum Haus hoch kämpfte, erkannte Christa erst, als er vor ihr stand. Er trug einen alten, abgewetzten Regenmantel und darunter einen mindestens ebenso schäbigen dunklen Anzug, der ihm zudem noch viel zu weit war – jedenfalls schlotterte er an ihm ebenso herum, wie ihr altes Kleid draußen auf dem Acker an der Vogelscheuche. Der alte Schlapphut, den der Unbekannte auf seinem Kopf trug, hatte offenbar auch schon bessere Tage gesehen. Sein Gesicht war grau, die Haut eingefallen und tiefe Falten sprachen die sprichwörtliche Verzweiflung des Mannes aus.

„Papa“, fragte Christa zögernd, freudig erregt und mitfühlend gleichermaßen, „Ja, mein Kind“, nickte der Mann und seine Stimme klang müde und brüchig, „ich bin Dein Vater“. Er hob seine kleine Tochter auf, nahm sie in die Arme und hielt sie ganz lange Zeit fest.

Willy Brandt Platz Nürnberg Vol. 58Am späten Nachmittag brachten die Sanitäter in einem großen Krankenwagen Christas Mutter. Sie saß in einem Rollstuhl und die Männer hoben sie mit einer besonderen Vorrichtung, die an dem Krankenwagen angebracht war, aus dem Auto und schoben sie ins Haus. Sie war noch sehr schwach und konnte kaum reden.

Wenig später lagen sich die Eltern in den Armen und beide weinten bitterlich. Ihr Schluchzen war so laut und so entsetzlich klagend, dass es Christa nicht mehr mit anhören konnte. Sie ging in ihr Zimmer und verschloss hinter sich die Tüte. Sie nahm ihre große, neue und wundervolle Murmel, kniete vor dem Kruzifix nieder und betete …

Willy Brandt Platz Nürnberg Vol. 20Es war eine himmlische Musik, die Christa wieder in die Gegenwart zurückbrachte. Wie aus fernen Welten klangen die Harmonien der Sphären an ihr Ohr und eine ihr wohlbekannte Stimme sprach zu ihr: „Wer auf Jesus vertraut ist niemals verlassen“. Christa öffnete die Augen und sah sich schier starr vor Erstaunen in ihrem Zimmer um:

Da sah sie ihren Schutzengel am offenen Fenster sitzen und er lächelte sie an …

Autorenvermerk:

Gerhard-Stefan Neumann

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Copyright und alle Rechte ausschließlich beim Autor. Nachdruck nur gegen Beleg und Honorar und „nur nach vorheriger Genehmigung“ gestattet.


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United Europe: Rechte Populisten versus Vereinigte Staaten von Europa – ein Film von Gerhard-Stefan Neumann …


Europa und die Europäer wachsen zusammen und dies jeden Tag ein kleines Stückchen mehr und das ist gut so und so soll es auch bleiben und so soll es auch weitergehen.

Leider geschieht diese europäische Kooperation bislang nahezu und dies fast ausschließlich auf einer gesellschaftlichen, einer privaten und einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit – die politische Union Europas und das damit verbundene Elend der sogenannten Nationalstaaten bliebt immer noch außen vor.

Seit gut siebzig Jahren bauen nun die Deutschen und die Europäer an ihrem sogenannten Haus Europa herum und sie sind letzten Endes über einen ziemlich armseligen Bretterverschlag nicht hinausgekommen.

Von den großen Träumen der Herren Adenauer, Monet, Schumann und Paul Henri Spaak ist so gut wie nichts übriggeblieben. Schlimmer noch, die Europäer sind zur Lachnummer der halben Welt geworden und ich habe inzwischen den Eindruck gewonnen, dass sich die Europäer ihrem traurigen Schicksal mehr oder weniger hilflos und kraftlos ergeben haben.

In der Bretterbude Europa pfeift der Wind durch die maroden Verschläge und im Winter hocken die Europäer ganz eng aneinander gekuschelt und lausen sich die vom Sturm zerzausten Felle.

Soweit ist es also mit den ach so stolzen und einstmals ach so arroganten Europäern geworden. Ganz offenbar haben zwei furchtbare Weltkriege es nicht geschafft, die deutschen und die europäischen Horden so einigermaßen zur Raison und zur Vernunft zu bringen.

Statt ihre Nationalstaaten auf dem Müllhaufen der Geschichte ein für allemal zu entsorgen und den politischen Bunds fürs Leben zu schließen, will heißen, endlich die Vereinigten Staaten auszurufen und zu gründen, hockt diese heruntergekommene Bande immer noch in ihren armseligen Behausungen und träumt von den angeblich so glorreichen Zeiten der deutschen und der europäischen Kleinstaaterei.

Noch sind es siebenundzwanzig mehr oder weniger unvollkommene und unbedeutende und heruntergekommene Länder die sich Europäische Union oder besser gesagt, die Europäische Lachnummer nennen.



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Der Wahnsinn hat Methode: Es ist etwas faul im Staate Deutschland – ein Film von Gerhard-Stefan Neumann …


In diesen aufgeregten Tagen ist wieder einmal sehr viel von Europa die Rede. Europa von vorne bis hinten, Europa von oben nach unten und unsere politischen Pappnasen werden nicht müde uns einzureden, wie unendlich wichtig und wie unendlich unverzichtbar Europa für uns ist, sei und wäre und sowieso und überhaupt.

Dies, meine lieben Freundinnen und Freunde, dies ist natürlich alles Quatsch. Europa und die Europäische Union haben für den normalen deutschen Bundesbürger – und natürlich auch Bundesbürgerin – so gut wie keine Bedeutung.

Es ist natürlich richtig, das der europäische Binnenmarkt und die europäische Zollunion für die deutsche Industrie und die deutsche Wirtschaft von existentieller Bedeutung sind. Und es ist natürlich auch richtig, das durch die Reisefreiheit innerhalb der Union für viele unserer Mitbürger und Mitbürgerinnen Europa sozusagen erlebbar geworden ist. Dies will ich in keinem Falle ableugnen oder gar abstreiten.

Das trifft aber nur auf die Damen und Herren zu, die sich solche europäische Erkundungsreisen auch leisten können. Und natürlich gibt es jede Menge junger Leute, die von einem x-beliebigen europäischen Flughafen für vielleicht gerade mal neunzehn Euro nach Mailand oder sonst wohin fliegen um dort irgendeinen Modeshop besuchen und Klamotten besorgen, die dort möglicherweise zehn Euro billiger sind als bei ihnen zu Hause.

Nein, meine lieben Freundinnen und Freunde, dieses Europa und diese Europäische Union bracht kein Mensch.

Mit der großartigen Idee eines Walter Hallstein, eines Alcide de Gasperi, eines Konrad Adenauer, eines Jean Monet und eines Robert Schuman um nur eine Namen zu nennen – hat diese europäische Krake absolut nichts zu tun – und die allermeisten dieser europäischen Abzocker Staaten sind nicht an Europa sondern lediglich an den Ausgleichszahlungen und Strukturhilfen aus Brüssel interessiert.

Die Deutschen sind die Zahlmeister in Europa und in der halben Welt.

Und das möchte in Sachen Europa doch auch noch sagen:

Kommt es einmal zu der Gründung der Vereinigten Staaten von Europa, dann sind die meisten unserer politischen Staatsschauspieler ihren Job los – denn mit einer europäischen Dimension haben diese Typen nun wirklich nichts zu tun – oder anders formuliert – wie konnten diese Dilettanten bloß an diese Jobs kommen ..?



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Gute Arbeit, gute Löhne, gute Rente: Die Märchenerzähler haben (Hoch) Konjunktur – ein Film von Gerhard-Stefan Neumann …


Kurz vor Redaktionsschluss dieser heutigen Ausgabe erreichte uns noch eine Schreckensmeldung aus Neuseeland, wo in zwei Moscheen neunundvierzig Menschen bei einem Terrorakt ums Leben gekommen sind. Des weiteren soll es eine hohe Zahl von Schwerverletzten gegeben haben, so das mit weiteren Todesopfern zu rechnen ist.

Es bereits Festnahmen gegeben, aber trotzdem ist über die Täter ist bis zur Stunde noch sehr wenig bekannt – nur so viel vielleicht und dies bitte mit aller Vorsicht – sie sollen sich als Tempelritter bezeichnet haben. Nun, meine lieben Freundinnen und Freunde, diese Wortwahl verwendete auch schon der norwegischen Attentäter Anders Breivik – ob diesbezüglich Zusammenhänge bestehen ist noch völlig unklar.

Neuseeland ist sicherlich nicht das klassische Einwanderungsland schlechthin – obwohl es immer Einwanderer aufgenommen hat – wenn auch nicht die ganz großen Stückzahlen wie zum Beispiel Kanada, Südamerika oder die Vereinigten Staaten von Amerika.

Neuseeland als Multikulti Land zu bezeichnen, ist vielleicht etwas überzogen, jedenfalls hat das Land keine einzige rechtsextreme Partei und auch die bislang verhafteten Attentäter sollen den Behörden bis dato völlig unbekannt gewesen sein.

Zwar hat es eine Handvoll Neuseeländer gegeben, die sich als sogenannte Kämpfer dem Islamischen Staat angeschlossen haben – es sind und waren aber keine größere Zahlen.

Der Wahnsinn hat bekanntlich Methode – und ein Ende ist leider immer noch nicht abzusehen.

Kein Mensch auf dieser großen weiten Welt hat das Recht einem anderen Menschen das Leben zu nehmen und schon gar nicht aus ethischen oder religiösen Gründen.

Gewalt erzeugt immer Gewalt und unsere politischen Märchenerzähler mögen noch soviel Empathie und Mitgefühl heucheln und von sich geben, aber so lange die Herren Assad, Erdogan, Kim, Putin, Netanyahu und Trump (um nur die schlimmsten aus dieser Clique zu nennen) ihre verhängnisvolle Politik nicht ändern, so lange wird es auf dieser Welt keinen Frieden geben.



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Suizid Norikus Nürnberg von Gerhard-Stefan Neumann …


Norikus_Apartments_Nuernberg_Vol_2„Der Teufel hole meinen Ruf!

Eine Arbeit brauche ich!

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Ich berste vor Neid, wenn ich eure Frauen, eure Automobile und eure Landhäuser sehe.“

G. B. Shaw

„Der Arzt am Scheideweg“, 1

(Dr. Ridgeon)

Suizid Norikus Nürnberg von Gerhard-Stefan Neumann …

Suizid_Norikus_Nuernberg_Vol_1Am 27. Juli des Jahres 2014 nachmittags gegen 16.00 Uhr sprang vom Bauteil B2 des größten Hochhauses in der Wohnanlage „NORIKUS“ in Nürnberg eine junge Frau aus einer Wohnung in den oberen Stockwerken in den sicheren Tod. Über die Hintergründe dieser Verzweiflungstat ist bis zur Stunde von den dafür verantwortlichen Behörden nichts mitgeteilt worden. Die Behörden der Frankenmetropole Nürnberg halten sich in diesen Dingen immer sehr bedeckt, um ja keine Nachahmer(innen) auf den Plan zu rufen. Das ist natürlich Unsinn! Jede(r) Lebensmüde findet immer einen Weg um seinem Dasein eine Ende zu setzen, immer vorausgesetzt, dass es sein oder ihr fester Wille ist.

An dieser offensichtlichen Verzweiflungstat ist lediglich bemerkenswert, dass es diesmal eine Bewohnerin des Hauses war, die auf diese schreckliche Art und Weise ihrem Leben ein Ende gesetzt hat.

Norikus_Apartments_Nuernberg_Vol_4Einen leichten Tod hatte die junge Frau mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Nach Auskunft von Fachleuten tritt der Tod zwar sehr schnell ein und möglicherweise wird er durch die Höhe des Falls auch noch etwas beschleunigt. Trotzdem und dies bleibt nachdrücklich festzustellen, sind die letzten Sekunden im Leben eines solchen Todeskandidaten bestimmt sehr qualvoll.

Egal was einem Menschen dazu treibt, seinem Leben durch eigene Hand einem Ende zu bereiten, aber auf diese Art und Weise aus dem Dasein zu scheiden, gehört wohl zu den schrecklichsten aller vorstellbaren Todesarten.

Alkohol- und Drogensucht, Beziehungsprobleme, Geldsorgen und Zukunftsängste belasten in diesen Tagen die Menschen. Und die Politik kann oder will nichts dagegen unternehmen. Im Gegenteil, mit der unüberlegten Einführung der Agenda 2010 Gesetzgebung hat sie doch erst den Grundstein für Armut, Elend und Not in diesem unserem Lande gelegt. Doch davon wollen die Herrschaften nichts wissen. Hungerlöhne, Armutsrenten und Leih- und Zeitarbeit sind die Perspektiven für unsere Jugend.

Suizid_Norikus_Nuernberg_Vol_3Die allermeisten lebensmüden Mitbürger und Mitbürgerinnen der Region kommen aus der Stadt oder dem Umkreis um in dem riesigen Wohnkomplex am Wöhrder See in Nürnberg den Tod zu suchen.

In den frühen fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts sprangen die Lebensmüde vom Hochhaus am Nürnberger Plärrer, das damals größte Haus der Frankenmetropole Nürnberg – heute sind eben die Wohnblöcke der Wohnanlage „NORIKUS“ der Schauplatz des furchtbaren Geschehens.

In den frühen achtziger Jahren wurden die Fenster in den Fassaden fest verschlossen, es wurde also versucht, den Absichten der Lebensmüden in der Absurdität des Wortes einen Riegel vorzuschieben, aber ein wirksames Hindernis waren diese Maßnahmen letztlich nun auch wieder nicht.

Norikus_Apartments_Nuernberg_Vol_6Über die frei zugänglichen Treppenhäuser können die Todesaspiranten problemlos ihr Vorhaben in die Tat umsetzen. Selbst die Mauerbrüstungen die immerhin eine Höhe von gut eineinhalb Meter aufweisen, bilden für sie kein unüberwindbares Hindernis. So sind es Jahr für Jahr etwa zwei Menschen die sich aus schwindelerregender Höhe in die Tiefe stürzen um ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Die Wohnanlage „NORIKUS“ wurde in den Jahren 1968 bis 1972 auf dem damaligen benannten Zeltnerhügel errichtet. Etwa gleichzeitig entstand auch der Wöhrder See. Geistiger Vater der „NORIKUS“ war der weltberühmte Architekt Le Corbusier. Zur Wohnanlage „NORIKUS“ gehören drei Hochhäuser mit 16, 17 und 22 Stockwerken. Insgesamt verfügt die Anlage über rund 900 Wohnungen, Hallenbad und Tiefgarage. Bewohnt wird die Wohnanlage „NORIKUS“ von etwa 2.200 Menschen aus allen Herren Ländern und Nationen …

Zu ihrer Zeit war die „NORIKUS“ Wohnanlage die größte ihrer Art im weiß-blauen Freistaat.

Suizid_Norikus_Nuernberg_Vol_5Wenn Sie in Sachen Wohnen den sprichwörtlichen Geschmack von Freiheit und Abenteuer erleben wollen und ihr Domizil aus beruflichen oder privaten Gründen im Großraum Nürnberg haben müssen, dann wären Sie mit einem Appartement in der Nürnberger „NORIKUS“ gut bedient. Vorausgesetzt, Sie kommen mit rund vierzig Quadratmeter Wohnfläche aus, stören sich nicht in Callgirls, Zuhältern und einigen anderen Mitbewohnern, die in ihrer Gesamtheit gut und gern hundert Jahre Knast auf dem Buckel haben.

Verständnis sollten Sie auch für die ortsansässigen Makler haben, die für ihren nervenaufreibenden Job stattliche Vermittlungsprovisionen kassieren – und dafür Hinz und Kunz mit nicht mehr ganz astreiner „SCHUFA“-Auskunft in der „NORIKUS“ eine Bleibe besorgen.

Norikus_Apartments_Nuernberg_Vol_8Und noch etwas – gute Nerven sollten Sie haben – Sie werden sie brauchen. Schließlich ist das Wohn-Publikum in der Nürnberger „NORIKUS“ im wahrsten Sinne des Wortes gemischt – und dies bezieht sich nicht nur auf die diversen menschlichen Rassen, die in diesem bundesweit berühmt-berüchtigten Wohnsilo ihr Dasein fristen.

Da wird gebohrt und gehämmert, das es nur so eine wahre Freude ist – und dies vorzugsweise immer am Wochenende und abends wenn die Leute ihre wohlverdiente Ruhe haben wollen. Dazu kommen noch die lieben Vierbeiner in allen Größen und Rassen – manchmal sind sie größer als die Wohnungen – und natürlich verunreinigen sie auch die Aufzüge und die Grünanlagen. Und die menschlichen Bewohner sind auch nicht viel besser:

Und da meinen doch einige dieser „Bekloppten“, dass sie mitten in der Nacht doch mal die Stereoanlage voll aufdrehen müssten.

Suizid_Norikus_Nuernberg_Vol_7In glücklicheren Tagen war die „NORIKUS“ das liebevoll gehätschelte Wahrzeichen der Frankenmetropole Nürnberg.

Kein Wunder, überragte sie doch mit ihrem Hauptteil in ihrer stolzen Größe von rund siebzig Metern bei weitem die mittelalterlichen Gebäude der wunderschönen alten deutschen Reichsstadt. Und im Verbund mit dem inzwischen auch schon etwas in die Jahre gekommenen Naherholungsgebiet „Wöhrder See“ und „Wöhrder Wiese“, verstrahlte sie im wahrsten Sinne des Wortes einen Hauch weltstädtischen Flairs. Das sie mitten in einem Naturschutzgebiet für seltene Vogelarten errichtet wurde, störte eigentlich nur die gefiederten Zeitgenossen. Letztere zogen postwendend die Konsequenzen und zogen weg. So einfach ist das.

Hauptgrund des baulichen Zeugungsaktes waren „vermutlich“ die Olympischen Spiele des Jahres 1972 in der Bayerischen Landeshauptstadt München.

Norikus_Apartments_Nuernberg_Vol_10Die Nürnberger Stadtoberen wollten in den Tagen der olympischen Glückseligkeit ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern auch etwas Gutes tun – und vergaben – wahrscheinlich und ohne allzu viel nachzudenken und verbunden mit einer reichlichen Portion „Größenwahn“ und zweifellos vorhandenem „politischen Unverstand“- die „gewinnträchtigen Baulizenzen“ an ein cleveres und gewinnorientiertes Architektenteam.

Die erfreuten einheimischen und findigen Franken dachten wohl just in diesem Moment nicht an das Sprichwort vom „geschenkten Gaul“ und griffen freudig und erregt, ob solch großer „städteplanerischen Glanzleistung“, zu:

Schließlich hatte die immerhin damals schon (fast) zweitausend Jahre alte Dame Nürnberg seinerzeit eine „image- mäßige“ Aufpolierung ihres inneren und äußeren Erscheinungsbildes dringend nötig.

Zugegebenermaßen zählt die alte Reichsstadt Nürnberg damals wie heute zu den schönsten Städten der deutschen und europäischen Gegenwart – ja, wenn da nur nicht so viele Nürnberger wohnen würden. Und diese bitterböse Ansicht kommt nicht von ungefähr:

Suizid_Norikus_Nuernberg_Vol_9Einheimische Spötter und arg böse Zungen beschreiben ihre „Nürnberger Mitmenschen“ gerne als ewig nörgelnde, entrüstete und streitbare Zeitgenossen, die, wenn sie mal unbedingt mal lachen wollen oder gar müssen, in den Keller gehen, damit es ja keiner sieht.

Und, wie die schon berühmt-berüchtigten PISA-Studien inzwischen ergeben hat – steht es in Sachen „Hirn“ mit den fränkischen Peterlesboam und auch – madlas nicht mehr so furchtbar toll aus.

Ganz schlimme Lästermäuler behaupten sogar gelegentlich, dass die betuliche alte Dame Nürnberg im Mittelalter weltstädtischer war als heute.

Und da kam die „städtische Überweisheit“ und das damit vermeintliche Geld gerade recht. Doch erstens kommt es anders, zweitens als man denkt:

Gesagt, getan:

Norikus_Apartments_Nuernberg_Vol_12Flugs wurden im Baustil der damaligen Zeit in den nördlichen Teil des Stadtteils „Wöhrd“ zwischen der „Tullnau“ und „Mögeldorf“ die höchst hässlichen und äußerst unförmigen Betonburgen mit Namen „NORIKUS“ hineingeklotzt – in der vagen Hoffnung, dass schon alles gutgehen würde. Der fränkische Volksmund hatte für die „NORIKUS“ schon bald nach seiner Fertigstellung einen anderen Namen parat:

„Lustkolben“.

Es sein ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Über die architektonische Gestaltung der „NORIKUS“ wurde in ihrer Geburtsstunde erstaunlich wenig diskutiert. Einerseits waren die Nürnberger Stadtväter froh, mit den enormen Bau- und Unterhaltungskosten nicht belastet zu sein, andererseits machte eine neue Bausünde den Nürnberger „Bebauungsplanbraten“ nicht mehr ungenießbarer, als er ohnehin schon war, beziehungsweise ist.

Suizid_Norikus_Nuernberg_Vol_11Vom hohen Anspruch der städtischen Oberweisen, in Nürnberg ein Wohn-Domizil für gehobene Ansprüche zu errichten, ist heute, rund dreißig Jahre nach seiner Fertigstellung nichts mehr übriggeblieben. Im Gegenteil – das Haus gleicht durch den ständigen Mieterwechsel einem Taubenschlag – und wird von Monat zu Monat einem Slum nach amerikanischem Vorbild immer ähnlicher. Das einst so bewunderte Schwimmbad ist geschlossen, ebenso das hauseigene Fitnessstudio. Die Grünanlagen bleiben sich selbst überlassen – verunreinigt mit dem Müll der Hausbewohner, die ihren Abfall der Einfachheit halber schlichtweg über den Balkon „entsorgen“.

Kein Wunder, dass ich das entsprechende tierische Ungeziefer in den Häusern mit gigantischer Geschwindigkeit vermehrt …

Und damit nahm und nimmt das Unheil seinen Lauf:

„Versteckten“ noch anfangs der frühen Siebziger Nürnberger und fränkische Geschäftsleute ihre Freundinnen und Gespielinnen vor allzu eifersüchtigen Ehefrauen, dem Finanzamt und vor dem erhobenen Zeigefinger des Herrn Gemeindepfarrers in der „NORIKUS“ – so erlebte dieser in den Achtzigern eine ganz andere Blüte:

Norikus_Apartments_Nuernberg_Vol_14Nürnbergs neue Karriere als angehende Universitätsstadt weckte auf dem Immobilien-Markt gänzlich neue Bedürfnisse. Nun wurden quasi über Nacht „bezahlbare“ Mini-Wohnungen in einer Größe von rund vierzig Quadratmetern gebraucht, also die berühmt-berüchtigten „Appartements“. Doch nicht nur die Studenten drängten auf den Wohnungsmarkt:

Die Reform der Scheidungsgesetze im Jahre 1977 produzierte neue und bislang unbekannte Single-Haushalte – und nicht zu vergessen – der explodierende allgemeine Immobilienmarkt fand und suchte den Zugriff in die Frankenmetropole.

Zwischen zweihundertfünfzig und fünfhundert EURO muss so ein hoffnungsfroher Miet-Aspirant allein für die Kaltmiete auf den Tisch des Vermieters blättern – je nach Zustand, Lage und Ausstattung des Appartements. Dazu kommen noch mindestens fünfzig EURO für Wasser, Heizung, Kanal- und Müllgebühren. Dagegen nimmt sich die vereinbarte Strompauschale von monatlich dreißig EURO noch recht bescheiden aus. Vor dem Einzug in die „NORIKUS“ haben die Götter jedoch den Schweiß des Maklers gesetzt. Im Schnitt sind zwei Monatsmieten als Vermittlungsgebühr fällig. Bei der Fluktuation der Mieter kein schlechtes Geschäft – für den Makler.

Suizid_Norikus_Nuernberg_Vol_13Viele ganz schlaue Studenten-Eltern und andere gewinnträchtige Geldanleger wagten den Schritt zum Notar und kauften für ihren Studiosus oder zur Spekulation ein Appartement in der „NORIKUS“. Dafür mussten sie in der „Gründungszeit“ der „NORIKUS“ immerhin zwischen hunderttausend und 150.000 Mark locker machen. Eigentlich kein besonderes Risiko, wenn da nicht die unangenehmen und häufigen Handwerkerrechnungen wären, aber der Teufel steckt ja bekanntlich im Detail:

Da ist eine Heizungs- und Lüftungsanlage, die zum Leidwesen der Bewohner immer gerade dann streikt – wenn sie dringend gebraucht wird. Ähnliches gilt für die maroden Leitungen der Wasserversorgung. Und da sind auch noch die drei wichtigen Personenaufzüge, die im Tagesschnitt rund tausend Mal zwischen dem obersten und untersten Stockwerk touren:

Kein Wunder, dass fast jeden Tag einmal einer den Geist aufgibt.

Durch das ausgesprochen schlechte „Image“ der „NORIKUS“ wollen immer mehr der vielen Appartementbesitzer so schnell wie möglich aussteigen. In den überregionalen deutschen Tageszeitungen werden die Wohnungen zu fast jedem Preis verhökert. Für gut 25.000 EURO ist eine dieser „kleinen Fluchtburgen“ bereits zu haben. Das böse Erwachen für den neuen Besitzer kommt allerdings postwendend.

Norikus_Apartments_Nuernberg_Vol_16So gesehen ist es eigentlich kein Wunder, wenn eine größere Zahl der Vermieter andere Wege geht:

Da werden Appartements gezielt an das „horizontale Gewerbe“ vermietet, denn schließlich macht es schon einen Unterschied, ob monatlich nur runde vierhundert oder wie im letzteren Falle an die eintausend EURO an Miete „rüberkommen“.

Oder man „knallt“ das Appartement mit vier, fünf oder gar sechs Asylanten voll – das rechnet sich auf Dauer auch. Ähnliches geht auch mit Obdachlosen oder Sozialhilfeempfängern – nur mögen hier die städtischen Behörden nicht mehr so recht „mitspielen“.

Der Stadt Nürnberg ist das Schicksal der „NORIKUS“ vollkommen egal.

Zu leer sind die Haushaltskassen und was für die Ratsherren und Ratsfrauen vielleicht noch wichtiger ist:

Zu schlecht ist mittlerweile das „Erscheinungsbild“ der Anlage.

Suizid_Norikus_Nuernberg_Vol_15Im Gegenteil:

Die Stadtoberen der Frankenmetropole legen sogar noch zu!

Zahlreiche lautstarke „Sommer-Festivals“ rund um den „Wöhrder See“ und die „Wöhrder Wiese“ vertreiben auch den Rest der gutwilligsten Eigentümer und Mieter .

Vor einigen Jahren wollten die „Stadt-Bosse“ den Anwohnern der „NORIKUS“ sogar noch einen Biergarten mit allabendlicher Blasmusik vor die Nase setzen. Nun gut, von diesen „Polit-Herren“ „muss“ ja keine(r) in der „NORIKUS“ arbeiten oder gar wohnen. In der sprichwörtlich letzten Sekunde konnte dieses städtische Vorhaben gerade noch verhindert werden.

Norikus_Apartments_Nuernberg_Vol_18In diesen aufgeregten Tagen wird der „Wöhrder See“ in einer gigantischen Baumaßnahme saniert und in Teilen völlig neu gestaltet. Die Arbeiten werden sich bis in das Jahr 2019 hinziehen. In meinem Blog finden Sie dazu die entsprechenden Artikel.

So gesehen ist es eigentlich kein Wunder – und dies ist natürlich nur eine bitterböse Anmerkung – wenn der eine oder andere Mitbewohner der Nürnberger „NORIKUS“ aus reiner und purer Verzweiflung aus dem Fenster springt.

Es ist kaum zu fassen, aber leider ist es wahr:

Die total „verblödeten Ballermänner“ sind inzwischen auch in der Frankenmetropole Nürnberg angekommen.

Was für ein erbärmlicher Abstieg:

Aus der Metropole des deutschen und europäischen Mittelalters ist eine Absteige für „Bekloppte“ und „Suffköppe“ geworden.

Suizid_Norikus_Nuernberg_Vol_17Fazit: Es kann ja nur noch besser werden.

Autorenvermerk:

Gerhard-Stefan Neumann

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